Dokumentation zum Seminar »Ankommen und Dableiben«

Zwei Tage lang diskutierten wir im April im Bochumer Bahnhof Langendreer unter dem Titel »Ankommen und Dableiben« über die Utopie einer solidarischen Stadt und welche positiven sozialen Prozesse aktuell in den lokalen Netzwerken der Flüchtlingshilfe sichtbar werden.

Im Vortrag von Marina Napruschkina von der »Neue Nachbarschaft Moabit« und dem Bericht des Bochumer Netzwerks Wohlfahrtstraße wurde deutlich, dass die Organisation ganz handgreiflicher Unterstützung von Geflüchteten, Begegnungs- und Kommunikationsräume öffnet, in denen ein sozialer Überschuss entsteht, der nicht nur den Geflüchteten hilft sondern positiv in den gesamten Stadtteil zurück wirkt. Alte und neue Nachbarn lernen sich kennen und beginnen mit einer Produktion des Gemeinsamen. So könnte solidarische Stadt funktionieren!

Schwer fällt es den solidarischen Netzwerken jedoch, sich zugleich auch politisch im Konfliktfeld Flucht zu positionieren und sich einzumischen. Der Unterstützungsalltag ist Handarbeit und immer drohen die Akteure von der Falle der Sozialarbeit gefangen genommen zu werden. Das es trotzdem möglich ist mit Gemeinwesenarbeit in einen politischen Konflikt zu intervenieren, zeigt die »Neue Nachbarschaft Moabit«. Ihre Recherchen, Skandalisierungen und Mobilisierungen haben die Berliner Flüchtlingsbürokratie unter Handlungsdruck gesetzt.

Sehr kontrovers diskutierten wir darüber wie die Ansätze solidarischer Ökonomie, auch über den Kontext der direkten Flüchtlingsunterstützung hinausgehend, zu bewerten sind. Unbestritten entsteht auch hier in den konkreten Praktiken des Teilens ein sozialer Überschuss. Wir waren uns einig das dieser wichtiger ist als ein messbarer materieller Output. Dennoch bleibt unklar was die Tafel der Diakonie von der Foodsharing-Initiative unterscheidet. Und ist die neue Kultur des Teilens tatsächlich eine andere „Produktionsweise“ oder nur ein anderes, nachhaltigeres Konsummodell? Wann wird die solidarische Ökonomie ökonomisch und was verstehen wir darunter? Hier blieben einige Fragen offen die wir weiter bearbeiten wollen.

Wenn Geflüchtete ankommen und dableiben brauen sie Wohnungen, keine Lager! Der Architekt Peter Haslinger stellte ein Studienprojekt der Uni Hannover vor, das sich auf die Suche nach Konzepten für eine menschenwürdige und nachhaltige Architektur begab. Die originellen und unkonventionellen Lösungen reichten von Wohnkuben auf Parkhäusern bis zu Wohnmodulen in Schrebergärten. Aber auch Fragen nach sozialer Zusammensetzung, partizipativen Wohnen und Finanzierungsmodelle spielten eine Rolle.

Nicht nur für Geflüchtete wird bezahlbarer Wohnraum benötigt. Das alte Modell des sozialen Wohnungsbaus ist bedeutungslos geworden und der Wohnungsmarkt versagt. Den innovativen und kostengünstigen architektonischen Ideen von Peter Haslinger und seinem Team steht die politische Klasse als einfallslose unternehmerische Stadt gegenüber. In der Diskussion wurde deutlich das Finanzierung und Trägerschaft sozialgebundenen Wohnraums öffentlich und demokratisch verfasst sein müssen aber zugleich der staatlichen oder kommunalen Kontrolle entzogen.

Zu Beginn führte uns Niels Boeing durch die weltweiten Recht auf Stadt Kämpfe und ihre theoretischen Bezugspunkte bei Henri Lefebvre. Die Revolution der Städte findet statt. Von oben! Dennoch gelingt es dem Hamburger Netzwerk Recht auf Stadt mit Kampagnen und Aktionen der Stadt Spielräume und Mitbestimmung abzutrotzen. Das Gängeviertel und die Auseinandersetzung um die Esso Häuser sind Beispiele dafür. Das besonders die Hamburger Recht auf Stadt Bewegung so innovativ ist und auch uns hier im Ruhrgebiet inspiriert hat, liegt sicher auch an Menschen wie Niels Boeing. Wie auch immer – die Situation im Ruhrgebiet bleibt eine andere.

An beiden Seminartagen begleitete uns ein Planspiel in dem wir versuchten ein reales leerstehendes Gebäude im Ruhrgebiet in ein Projekt für gemeinschaftliches Wohnen, Arbeiten und Begegnen zu verwandeln. Hier wurde deutlich: Das kann ein lohnenswerter aber auch sehr anstrengender Prozess werden.

Wir werden neue und alte Fragen weiter diskutieren und planen in der zweiten Jahreshälfte eine Reihe von Veranstaltungen mit Gästen die uns dabei helfen können.

Die Dokumentation zum Seminar »Ankommen und Dableiben« kann hier heruntergeladen werden (10 Seiten / PDF / 1,5 MB).

Comments are closed.