Von Detroit lernen!

MANIFEST FÜR EIN RECHT AUF STADT IM RUHRGEBIET / RECHT AUF STADT – RUHR / INTERVENTION 1.0 / SEPTEMBER 2014

Detroit gilt als der Inbegriff der postindustriellen Stadt. Der Rückzug der großen Industrien hat diese Stadt massiv verändert. Auch im Ruhrgebiet begann der Strukturwandel in den 60er Jahren. Doch der Prozess der Deindustrialisierung hat hier sein Ende noch nicht erreicht. Die sozialen Tragödien und der Verfall des Ruhrgebiets werden hinter dem Wortgeklingel „Metropole Ruhr“ oder „Region im Wandel“ versteckt. Wir möchten ihnen hingegen tatsächlich ins Auge sehen: der Armut, der sozialen Segregation, der Abwanderung, dem Leerstand und der Langeweile. Wir wollen dem Vergleich des Ruhrgebiets mit Detroit weder zustimmen noch widersprechen, sondern vielmehr die Frage stellen: Was kann das Ruhrgebiet von Detroit lernen?

Wir denken, der erste Schritt zu einer Veränderung ist der, sich endlich einzugestehen, dass dieses Ruhrgebiet der „Malocher“ entgültig der Vergangenheit angehört. Wir trauern dem Verschwinden der für das Ruhrgebiet typischen Industriearbeit nicht nach. Wir wollen die Bilder von den heldenhaft verklärten Arbeitsmännern nicht mehr sehen. Wir stellen diese Identität stiftende Ruhrgebietsfolklore in Frage. Nicht zuletzt, weil beim Erinnern an Kohle und Stahl der Schmerz und der Dreck immer vergessen werden.

Wir stellen fest, dass die politische Klasse des Ruhrgebiets mit ihrem Glauben an die Rückkehr von Industriebetrieben der Suche nach einer anderen Zukunft des Ruhrgebiets im Weg steht. „Vollbeschäftigung“ wird es hier nie wieder geben. Und die Arbeit, die übrig bleibt, wird prekär, so wie das Leben selbst. Besonders für diejenigen, die aus der Wertschöpfung der Wissensgesellschaft ausgeschlossen bleiben. Die alte Tonnenideologie, dieser Fetisch Bigness, der sich Veränderung nur als von einer großen Maschine angetrieben vorstellen kann, von mächtigen Kraftwerken, Shopping Malls, Fußballstadien und Massen-Events, ist unfähig, die Bedürfnisse und Potenziale in den Ritzen des Ruhrgebiets zu erkennen.

Wir sind der Meinung, dass es das Ruhrgebiet nicht gibt. Duisburg, Oberhausen, Essen, Gelsenkirchen, Bochum, Dortmund und all die anderen Städte betreiben eine kannibalistische Kirchturmpolitik gegeneinander. Sie streiten um Fördermittel und darum, wo der nächste Leuchtturm aufgestellt werden soll. Ihre Unterwerfung unter die Standortlogik wird uns als alternativloser Sachzwang präsentiert. Solange zwischen Duisburg und Dortmund jede Stadt für sich selbst einen Notausgang sucht, wird das Ruhrgebiet als gemeinsam handelnder Stadtraum nicht zusammenfinden.

Wir widersprechen der Selbstinszenierung der Kommunen als „unternehmerische Stadt“, die sich gezwungen sieht, sich am Markt zu behaupten. Städte sind keine Unternehmen, sondern Gemeinwesen mit öffentlichen Haushalt. Es sind politische Entscheidungen, welche Ressourcen wofür eingesetzt werden. Wir fragen uns, warum die überschuldeten Gemeinden im Ruhrgebiet nicht gemeinsam die Tilgungen ihrer Kredite verweigern? Das ganze Geld werden sie ohnehin niemals zurückzahlen können.

Wir fordern, dass der Armutsgürtel, der sich nördlich der A40 von Duisburg nach Dortmund quer durchs Ruhrgebiet zieht, in den Focus stadtpolitischer Entscheidungen gestellt wird. Die Gleichgültigkeit, mit der die Mehrheitsgesellschaft dieser sozialen Zerstörung zuschaut, empört uns. Wer neben die Armutsquartiere Leuchttürme baut, auf dass ihr Licht früher oder später auch die Armen erreicht, ist nicht nur ignorant, sondern zynisch. Wenn öffentliche Gelder ins Ruhrgebiet fließen, sollten sie in erster Linie für den Ausbau der soziale Infrastruktur und für Gemeinwesenarbeit verwendet werden. Niemand soll im Schatten der Leuchttürme die Mülltonnen nach Brauchbarem durchsuchen müssen.

Wir erwarten, dass im Ruhrgebiet endlich begonnen wird, offensiv mit der Schrumpfung und Abwanderung umzugehen und dass stadtplanerische Alternativen entwickelt werden, die sich dem Problem wirklich stellen. Ein offensiver Umgang mit der Schrumpfung bedeutet, den Mut zu besitzen, Stadträume des Verfalls zu freien Nutzung zu öffnen und auf diese Weise sozial „in Wert zu setzen“. Wenn die Leerstände sozial und kulturell genutzt werden, kann Schrumpfung auch eine Chance sein.

Wir sind wütend über die provinzielle Borniertheit der politischen Klasse im Ruhrgebiet, die sozialen, kulturellen oder künstlerischen Eigeninitiativen die Türen verschließt; die solche Projekte nicht als Bereicherung wahrnimmt, sondern als Störung, der ordnungspolitisch entgegengetreten werden muss. Wir fordern die Anerkennung einer Produktion von urbanem Leben, das sich nicht dem Zwang der kommerziellen Verwertbarkeit unterwerfen muss, und das Freiräume benötigt, um sich entfalten zu können. Wir unterstützen jede Initiative, die sich die Räume dafür einfach aneignet.

Wir wissen, dass die sozialen Zerstörungen in Detroit, die Drogenökonomie und die Gewalt eine andere Dimension haben als im Ruhrgebiet; dass die Menschen dort mit einer sehr viel existentielleren Lebenswirklichkeit konfrontiert sind. Was also kann das Ruhrgebiet von Detroit lernen? Wer in den Trümmern sucht, findet dort zahlreiche Zonen unkommerzieller Urbanisierung: kulturelle oder künstlerische Initiativen, die sich in den Leerständen ausbreiten, und Urban Agriculture Projekte, die sich mit Gemeinwesenarbeit vermischen; eine soziale Selbstorganisierung, die ihr Recht auf Stadt im Sperrmüll von Detroit ganz praktisch in die Hand nimmt. Diese Ansätze des „Detroit Summer“ kann das Ruhrgebiet aufgreifen. Sie werden jedoch ohne eine grundsätzliche Änderung, auch auf der politischen Ebene, nicht ausreichen, der Entwicklung des Ruhrgebiets eine andere Richtung zu geben.

Wir sind uns im Klaren darüber, dass ein Recht auf Stadt im Ruhrgebiet anders ausbuchstabiert werden muß als in wachsenden Metropolen wie Hamburg oder Berlin. In unserem Text »Realize Ruhrgebiet« stellen wir unsere Ideen dazu vor. Wir werden die Diskussion über die Zukunft des Ruhrgebiets nicht der politischen Klasse überlassen. Wir mischen uns ein. Jetzt!

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